Aktuell

3. Mai 2018

Ausgewogenheit: ob bei der Ernährung oder der Berichterstattung – für Lorenz Hess eine Herzensangelegenheit.

Früher woll­te er Bauer wer­den. Heute sät er im Rah­men der Infor­ma­tion­s­grup­pe Erfrischungs­getränke Ideen, ern­tet Ver­ständ­nis und füt­tert Schweiz­erin­nen und Schweiz­er mit Infor­ma­tio­nen rund um einen aktiven Lebensstil und aus­ge­wo­gene Ernährungs­ge­wohn­heit­en. Was ihn dabei antreibt und wie es dazu kam, erzählt Lorenz Hess im Inter­view.

Herr Hess, Sie sind heute erfol­gre­icher PR-Berater und Unternehmer. War das bere­its als Kind ein Traum von Ihnen? 

Nein, gar nicht. Als Kind woll­te ich immer Bauer wer­den und habe auch meine ganze Freizeit auf einem Bauern­hof in der Nähe meines Eltern­haus­es ver­bracht. Auch heute kön­nte ich mir nichts Schöneres vorstel­len als einen Beruf, bei dem man die meis­te Zeit an der frischen Luft und nicht in Büros und Sitzungsz­im­mern ver­bringt. 

Was führte Sie von besagten Sitzungsz­im­mern unter die Bun­de­shauskup­pel? 

In die Poli­tik kam ich als Zufalls- und Späte­in­steiger. Mit knapp 40 Jahren hat­te ich das Bedürfnis, mich in unser­er Gemein­de zu engagieren und habe für den Gemein­der­at kan­di­diert. Dann ging alles rel­a­tiv schnell… 

Heute haben Sie selb­st drei erwach­sene Kinder. Wie sind Sie bei der Erziehung mit dem The­ma Erfrischungs­getränke umge­gan­gen? 

Wir haben unseren Kindern einen unverkrampften Zugang zu Erfrischungs­getränken ermöglicht. Das heis­st, dass wir keine Lebens­mit­tel zu etwas Speziellem hochstil­isiert haben, das unsere Kinder beispiel­sweise nur im Restau­rant auswäh­len dür­fen. So nimmt man vie­len Pro­duk­ten den gewis­sen Reiz. Sagen wir als Eltern zu einem Pro­dukt «Achtung, Hän­de weg», machen wir es damit gle­ich dop­pelt inter­es­sant. Dass man bezüglich der Menge ein Auge darauf haben muss, ist aber wichtig und richtig.

 

In die Poli­tik kam Lorenz Hess als Zufalls- und Späte­in­steiger.

 

Sie sind Präsi­dent der IG Erfrischungs­getränke. Was hebt diese Infor­ma­tion­s­grup­pe von anderen Arbeits­grup­pen rund ums Par­la­ment ab?

Das Spezielle an dieser Grup­pe ist, dass sie tat­säch­lich nicht mehr macht, als der Name sagt: Sie informiert. Es ist span­nend zu sehen, wie unsere Infor­ma­tion­s­grup­pe durch die Medi­en mit­tler­weile zur bekan­ntesten und mächtig­sten Grup­pe rund um den par­la­men­tarischen Betrieb hochgeschaukelt wur­de. Dabei gibt es rund um den poli­tis­chen Betrieb von der par­la­men­tarischen Grup­pe Tibet bis hin zur Grup­pe Elek­tro­mo­bil­ität zu so ziem­lich jedem The­ma eine Arbeits­grup­pe. Dass wir in der Infor­ma­tion­s­grup­pe den Kon­takt zur Branche pfle­gen, ist klar und auch legit­im. Zugle­ich hat die Grup­pe jedoch noch nie eine Abstim­mungsempfehlung an die Par­la­men­tari­er ver­schickt, wie es jed­er Ver­band und jede NGO zu ihren The­men zu machen pflegt. Wobei ich auch hier sagen muss: Dies ist total legit­im und zu Beginn ein­er Ses­sion für die Entschei­dungs­find­ung sehr wichtig.

 

«Die Gruppe macht, was der Name sagt: Sie informiert.»

 

War dies bei der Grün­dung der IGEG ein bewusster Entscheid — mehr Infor­ma­tio­nen und weniger Lob­by­ing?

Ja, für mich war es sog­ar ein Haupt­be­weg­grund, bei dieser Grup­pe mitzuwirken. Man hat von Anfang an den Zweck genau definiert. Die Grup­pe will in einem Bere­ich informieren, in welchem mich immer wieder das Gefühl beschle­icht, dass sehr ein­seit­ig informiert wird. Man darf mir hier schon Vor­ein­genom­men­heit vor­w­er­fen. Schauen Sie sich aber mal den Zuck­erkon­sum in der Schweiz und den Anteil von Erfrischungs­getränken an diesem Kon­sum an: Da tut sich zwis­chen der Bedeu­tung, welche den Erfrischungs­getränken beim Zuck­erkon­sum zugeschrieben wird und dem effek­tiven Kon­sum ein riesiger Spalt auf. 

Sie sind auch im Beirat von Gas­tro­Su­is­se. Kann man sagen, dass Genuss für Sie ein zen­trales The­ma ist?

Jed­er Par­la­men­tari­er hat seine Kern­the­men. Der eine ist der totale Sicher­heit­spoli­tik­er, der andere beschäftigt sich mit der Energiepoli­tik. Ich per­sön­lich habe län­gere Zeit in der Amt­sleitung des Bun­de­samts für Gesund­heit gear­beit­et. In diesem Kon­text habe ich Wis­sen im Bere­ich Lebens­mit­tel aufge­baut. Wir haben beispiel­sweise Infor­ma­tion­skam­pag­nen zum Rinder­wahnsinn durchge­führt. Zugle­ich hat­te ich beru­flich mit dem Schweiz­erischen Bäck­er-Con­fiseurmeis­ter-Ver­band zu tun. Das sind alles The­men, die mich heute noch inter­essieren und beschäfti­gen. Mein Man­dat als Beirat bei Gas­tro­Su­is­se hat auch mit Genuss zu tun — wobei es mir als lib­er­al denk­ender Men­sch bei Ernährung darum geht, dass Genuss und Eigen­ver­ant­wor­tung unser Han­deln leit­en sol­len.

 

«Der Kunde hat ein Recht darauf zu wissen, woher seine Lebensmittel kommen.»

 

Welche Rolle soll der Staat bei diesen The­men spie­len? 

Der Kun­de hat ein Recht darauf zu wis­sen, woher seine Lebens­mit­tel kom­men und welche Inhaltsstof­fe sie haben. Dafür gibt es eine Dekla­ra­tionspflicht. Auch bei einem Erfrischungs­getränk muss klar deklar­i­ert wer­den, wie viel Zuck­er im Getränk steckt und was die emp­fohle­nen Tages­men­gen für einzel­ne Inhaltsstof­fe sind. Mir geht es darum, dass es nicht gut ist, wenn etwas über­bor­det. Heute geis­tert unver­ständlicher­weise in den Köpfen viel­er Men­schen herum, dass bei der Ein­führung eines Ampel­sys­tems für Lebens­mit­tel ein gesun­des Pro­dukt automa­tis­ch einen grü­nen Punkt und die «bösen» Pro­duk­te einen roten Punkt erhal­ten. Dies führt zu unsin­ni­gen Resul­taten: Während ein Vol­lko­rn­brot einen grü­nen Punkt erhält, wird der Nuss­gipfel zu einem gefährlichen Hochrisiko­pro­dukt degradiert. Diesen Unsinn müssen wir ver­hin­dern. Die Infor­ma­tion und die Aufk­lärung über die Pro­duk­te muss gut sein. Die Entschei­dung über den Kon­sum muss aber dem Bürg­er über­lassen wer­den.

Schweiz­erin­nen und Schweiz­er sind im europäis­chen Ver­gle­ich schlank. Trotzdem gibt es eine zu hohe Zahl an schw­er übergewichti­gen Men­schen. Wie kann diesen geholfen wer­den?

Es gibt im Par­la­ment immer wieder Bestre­bun­gen, Präven­tion als unnötig abzu­tun oder gar zu ver­teufeln. Ich wehre mich dage­gen. Mod­er­nes und attrak­tives Infor­ma­tion­s­ma­te­ri­al zu Ernährung und Bewe­gung ist eine gewinnbrin­gen­de Sache. Es muss beispiel­sweise den Jun­gen ein­fach dort zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, wo sie wirk­lich anzutr­e­f­fen sind. Es gibt aber ger­ade auch bei Eltern ein man­gel­ndes Bewusst­sein zu Ernährung und Bewe­gung ihrer Kinder. Wenn ich Kinder sehe, die von ihren Eltern für die Z’Nüni-Pause eine Pack­ung Chips mit auf den Weg bekom­men, haben wir ein Prob­lem. Da muss man sich fra­gen, ob das Fach Ernährungskun­de nicht in der Schule Abhil­fe schaf­fen kön­nte — das müssen ja dann nicht gle­ich 100 Lek­tio­nen sein. Dann kön­nen auch die Eltern von ihren Kindern etwas ler­nen.

In der Früh­lingsses­sion wur­de die Standesini­tia­tive des Kan­tons Neuen­burg zur Ein­führung ein­er Zuck­er­s­teuer vom Stän­der­at wuchtig abgelehnt. Was ist Ihre Mei­n­ung zu diesem The­ma? 

Ich habe ges­taunt, wie laut das medi­ale Echo auf diese Ini­tia­tive war. Kann man mit ein­er lin­earen Besteuerung, die einkom­menss­chwächere Men­schen stärk­er belastet, das Ver­hal­ten von Men­schen steuern? Ich glaube nicht daran und hal­te es für kein prax­is­tauglich­es Mit­tel. Höhere Preise nützen wenig. Sie führen höch­stens dazu, dass die Kon­sumenten «ennet» der Gren­ze einkaufen gehen. 

Wieso bekommt die Zuck­er­s­teuer Ihres Eracht­ens denn eine solche Aufmerk­samkeit?

Ein kom­plex­es gesellschaftlich­es Prob­lem zu lösen, indem man auf grosse Konz­erne los­ge­ht: Das hal­ten viele für eine sehr attrak­tive Lösung. Man denkt sich: Das tut doch nie­man­dem weh und zeigt lap­i­dar, wie viel Steuern man gerne auf eine 1.5-Liter-Flasche Cola schla­gen möchte. Und dann, so der Tenor, hät­te man etwas Gutes erre­icht. Dabei geht vergessen: Eine solche Steuer bet­rifft uns alle, näm­lich sämtliche grossen und kleinen Her­steller und alle Kon­sumenten. Sie hil­ft aber nicht, das Prob­lem Übergewicht anzuge­hen. Und zugle­ich ist sie nicht prax­is­tauglich: Sie find­en Zuck­er in ein­er Vielzahl von Pro­duk­ten — so auch in welchen, die uns als Schweiz­erin­nen und Schweiz­ern als Teil unser­er Iden­tität beson­ders lieb sind. Zugle­ich muss der Hin­weis gel­ten, dass die Erfrischungs­getränke­hersteller seit langer Zeit auch kalo­rienre­duzierte und kalo­rien­freie Alter­na­tiven eines jeden Getränkes anbi­eten.

 

Im Jahr 2017 gewann der FC Nation­al­rat mit 8:0 gegen den FC Erfrischungs­getränke.

 

Par­la­men­tari­er befassen sich in ihren Arbeits­grup­pen bekan­ntlich nicht nur mit Steuern — der FC Nation­al­rat bringt auch eine sportliche Kom­po­nen­te unter die Bun­de­shauskup­pel. Am 6. Juni 2017 gewann er gle­ich mit 8:0 gegen den FC Erfrischungs­getränke. Ist eine Revanche geplant?

Lei­der kann ich selb­st momen­tan beim FC Nation­al­rat nicht mit­tun. Das let­zte Spiel gegen den FC Erfrischungs­getränke ist wesentlich knap­per aus­ge­fal­l­en. Es wird sicher­lich zu ein­er Neuau­flage kom­men.

 

 

Lorenz Hess

Seit 2011 ist Lorenz Hess Nation­al­rat der BDP. Der diplomierte PR-Berater ist Vater von drei erwach­se­nen Kindern und Präsi­dent der Infor­ma­tion­s­grup­pe Erfrischungs­getränke. Vor seinem Engage­ment in der Pri­vatwirtschaft und Poli­tik war der pas­sion­ierte Jäger bis 2002 Leit­er Kom­mu­nika­tion des Bun­de­samtes für Gesund­heit.